“Es spricht unser Herr: Ich bin mit dem Menschen im Leiden!
Dazu sagt Sankt Bernhard: Herr bist du mit uns im Leiden, so gib mir allzeit zu leiden, auf daß du allzeit bei mir seist, auf daß ich dich allzeit besitze.” (Meister Eckhart – liber benedictus)
In unserer Kultur und unserer Zeit sehen wir das Leid prinzipiell immer als etwas schlechtes. Wir haben gelernt, daß das Ziel des Lebens der Konsum von Vergnügen bereitender Güter oder Dienstleistungen ist. Alles das uns dabei hilft dieses verheißene Ziel des freudenreichen und lustvollen Konsums zu erlangen heißen wir freudig willkommen, wohingegen wir alles was uns Mühe bereitet von vorne herein – bisweilen radikal – ablehnen.
Dabei sind es gerade die Mühen und Entbehrungen des Lebens, die uns zu reiferen und vollkommeneren Persönlichkeiten – man könnte auch sagen: zu echten, authentischen Menschen – machen. Dies erkennen wir auch am einfachen Beispiel des Sports als Luxusgut. Denn welcher Mensch wird körperlich gesünder und besser in Form sein – der, der unablässig zuhause das Fernsehprogramm in Verbindung mit dem Genuß von Chips und Junkfood konsumiert, oder der, der sich die Mühe macht täglich joggen zu gehen oder andere Sportarten zu trainieren? Sportliche Betätigung ist dabei nichts anderes als körperliche Mühe in homöopathischer Dosis – und so wird selbst die Mühe die zur eigenen Verbesserung notwendig ist: zum Luxusgut.
Schon die großen mystischen Asketen haben erkannt, daß der bewusste Verzicht auf eine an sich freudvolle Begebenheit kein neues Leid, sondern echtes, zur Seligkeit führendes Glück in unserem Leben freisetzt. Mittelalterliche Suchende sind dabei noch weiter gegangen und fügten sich absichtlich Schmerz zu, um die Askese vom bewussten Verzicht auf körperlichen Genuss hin zu radikaler Leidenserfahrung zu führen. In der islamischen Kultur gibt es dazu ein anschauliches Gleichnis, das ich durch einen mir bekannten Muslim erfahren habe, der statt einer fundamentalistischen Ablehnung vielmehr eine heitere, heilige Gelassenheit und tiefe innere Freude ausstrahlt. Er sagte: Wenn du in der Hölle einschläfst, wachst du im Paradies wieder auf.
Ich würde nicht soweit gehen zu sagen, der Mensch soll das Leid aktiv suchen – oder sich selbst Leid zufügen. Im Gegenteil. Unser Leben ist schon voll an Leid und bitterer Erfahrung genug. Davon benötigt keiner von uns noch mehr. Es geht mir vielmehr darum, unseren Blick auf die Leidenserfahrung der wir Zeit unseres Lebens immer wieder ausgesetzt sind zu ändern und das Leid anstatt als eine uns von außen aufgeladene Bürde unter der wir ächzen und stöhnen, als Tor zum Paradies zu sehen.
Gottes innigster und sehnlichster Wunsch sind veränderte, von seiner Liebe erfüllte und erfreuliche Leben. Jedes Herz, daß sich neu mit seiner Liebe – mit dem großen Geist des Lebens – verbindet, löst eine Feier der Freude im Reich der Himmel aus. Und jedes neu entfachte, von Gottes Liebe berührte Herz empfindet seinerseits eine himmlische Freude, eine Feier der spirituellen Wirklichkeit in seinem Innersten. Auch in und durch sein persönliches Leiden.
Ich selbst kann dazu sagen, daß ich die klarsten Offenbarungen des Himmelreichs in Zeiten tiefsten persönlichen Leidens erfahren durfte. Und indem ich mich dem Leiden nicht verschlossen habe, erlebte ich die tiefe Wahrheit der mystischen Lehre, daß der Weg zum Himmel auch durch die Feuer der Hölle führen kann.
Die stärksten und reifsten Menschen die ich jemals getroffen habe, hatten alle etwas gemeinsam: Sie konnten Leiden. Sie hatten keine Strategien notwendig die ihnen dabei geholfen hätten ihr Leiden zu lindern. Sie waren ehrlich mit dem Schmerz den sie bisweilen durchleben mußten. Und diese Ehrlichkeit hat ihnen die Kraft gegeben sich nicht von gesellschaftlichen Vorgaben beeindrucken zu lassen. Sie hatten durch die Krisen ihres Lebens gelernt gegen den Strom zu schwimmen – und sie selbst zu sein. Mit allen Stärken. Mit allen Schwächen.
Sie strahlten in ihrem Leben ein heiliges, kräftiges Licht aus. Und auch ihre Schatten waren intensiver als die der meisten Menschen. Aber gerade deshalb verspühren viele Menschen einen Drang sich von ihnen leiten zu lassen. Und werden frustriert wenn sie feststellen, daß ihre geistlichen Vorbilder auch nur ganz normale Menschen sind. Dann schieben diese Leute die irgendwie strahlenden, tiefen und echten Menschen wieder eine Zeit lang von sich – um ihre Unmittelbarkeit nicht ertragen zu müssen. Aber irgendwann kommen sie wieder. Und lassen sich neu inspirieren von der Kraft des Lebens.
Ich sage dazu: Ein Mensch der eine Maske trägt, und gelernt hat sein Leiden durch das Aufsetzen neuer Masken von sich wegzuschieben kann einen Leidens-er-lebenden nicht ertragen. Das echte Leiden, und die dadurch errungenen Tugenden richtet sich gegen alles was ihn selbst definiert. Das Leben des Anderen stellt den Maskierten selbst in Frage. Es reizt ihn dazu, seine Maske abzunehmen. Und nichts fürchtet er mehr…..
Wer sind wir also selbst? Menschen die echt sein können – auch in ihrem Leiden? Menschen die ihr Leid als Tor des Himmels sehen? Oder Menschen die nach wie vor auf der Flucht vor sich selbst sein müssen? Unsere Haltung gegenüber unserem Leben in seinen Höhen und Tiefen, und gegenüber dem großen und heiligsten Strom der Liebe, der uns auch ab und an einmal in die tiefsten persönlichen Krisen führt bestimmt letztlich darüber, wer wir als Mensch sind. Und auch, wer wir nicht sind…